Die Domgruft –
zur Bedeutung des historischen Ortes

Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer Humboldt-Universität zu Berlin, 
Institut für Geschichtswissenschaften – Geschichte Preußens

Der Sepulkralkultur kam in der Geschichte der europäischen Dynastien und Länder in den frühneuzeitlichen Jahrhunderten eine große Bedeutung zu. Die Grabstätten des regierenden Hauses bewiesen Alter, d.h. historische Tiefe, und damit Legitimation. Alter war stets ein politisches Argument von hoher praktischer Aktualität. Die europäischen Dynastien konkurrierten mit dem Argument maximaler geschichtlicher Verwurzelung. Gründungsmythen und Grablegen gehörten insofern funktional zusammen.

Die Hohenzollern waren seit dem späten Mittelalter eine europäische Dynastie. Sie agierten nicht nur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, sondern mit ihren verschiedenen Linien im 16.Jahrhundert in den Niederlanden, in Burgund, in Spanien, in Ungarn und sodann in Ostmitteleuropa. Sie verfügten über mehrere dezentrale Grablegen in Südwestdeutschland, Franken, Brandenburg und im ostmitteleuropäischen Preußen (Königsberg). In diesen Kontexten müssen die Grabstätten im Berliner Dom gelesen werden. Dabei fällt auf, wie »zurückgenommen« der Umgang der brandenburgischen Hohenzollern mit ihrer funeralen Memoria im europäischen Vergleich lange Zeit gewesen ist. Die Hohenzollerngruft des Domes, die eigentlich noch mehr, nämlich eine Fürstengruft verschiedener Dynastinnen und Dynasten gewesen ist, spiegelt in ihrer bisher vernachlässigten Präsentation diese Überlieferungsverhältnisse wider.

In Berlin liegen männliche und weibliche Angehörige des Hauses Hohenzollern und verwandter Dynastien seit dem späten 16. Jahrhundert. Der erste hier bestattete Kurfürst ist Kurfürst Johann Georg (gestorben 1598), außerdem ist im Dom das Grabmal des Kurfürsten Johann (genannt Cicero, gestorben 1499) aus der Zeit nach 1500 erhalten. Die Reihe der hier begrabenen Herrscher reicht (von einem abgesehen) bis zum ersten preußischen König (Friedrich I., gestorben 1713); Friedrich Wilhelm II., gestorben 1797, stellt eine späte Ausnahme dar. Dieser historische Ort dokumentiert also vor allem jene Epoche der brandenburgischen, preußischen und europäischen Geschichte, in der aus dem »normalen« brandenburgischen Landesstaat eine europäische Potenz geworden ist. Zugleich spiegeln die Särge der Domgruft eine Heiratspolitik wider, die sich immer in deutschen und europäischen Beziehungsnetzen bewegen wollte. Diese Heiratspolitik war verbunden mit einem signifikanten Kulturtransfer, und zwar über konfessionelle und politische Grenzen hinweg.

Damit ist ausgesagt, dass es sich beim Berliner Dom und seinen Grabdenkmälern um einen historischen Ort sowohl nationaler als auch transnationaler Bedeutung handelt. Es sei daran erinnert, dass die Grablegen ganz überwiegend derjenigen Zeitschicht angehören, in der durch die Verbindung von Brandenburg als Teil des Deutschen Reiches mit Preußen, das nicht zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte, zur westeuropäischen die ostmitteleuropäische Verankerung der Hohenzollerngeschichte hinzutrat. Auch die im Dom befindlichen Grabdenkmäler des preußischen Königshauses aus der Zeit nach 1701 sind in diesen letztlich europäischen Dimensionen zu lesen. Wenn auch die Könige des 18. und 19. Jahrhunderts mit einer Ausnahme nicht mehr im Berliner Dom beigesetzt wurden, sondern ihre letzte Ruhestätte in der weiteren Berlin-Potsdamer Residenzlandschaft fanden, bleibt doch der Dom das Zentrum dieser europäisch bedeutsamen Sepulkralstruktur.

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